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Wegfressen oder Weggefressen werden!
Kopf aufmachen: Freundschaft ist ein nachwachsender Rohstoff!
Wenn die Mittelstandsbeule juckt und das Geschwafel von der “kreativen Klasse” überhand nimmt, wenn Inhalt durch Looser Generated Content ersetzt wird und der Nachwuchs vom Dasein als bekiffte Agentur-Knalltüte träumt, wenn die Werbepause “Kein Service für die Armen!” schreit, dann ist es höchste Zeit, sich ein paar Binsenweisheiten hinter die Löffel zu schreiben.
Zum Beispiel dass der Weg nicht das Ziel ist. Denn wenn der Weg das Ziel wäre, würde er nicht “Weg” heißen. Weshalb man das Ziel, das nicht der Weg ist und daher auch weiter “Ziel” heißt, niemals nicht aus dem Blick verlieren darf, egal wie laut der Dummschwätz tönt.
Oder dass die Krise keine Chance ist, sondern eine Krise. Die Krise als Chance ist Dummschwätz in Reinkultur, ausgeheckt von kreativen Zerstörern und Substanzzweiflern, die die Moderne als Paradox aus Fortschritt und Zerstörung diffamieren. Erst schleimen sie alles mit ihrem faden Krisen-Chancen-Brei zu, dann fangen sie an vom großen Wegfressen zu schwafeln: Praktikanten fressen uns die Bürostühle weg. Bänker fressen Pensionisten das Geld weg. Pensionisten fressen Ravern die Pillen weg.
Ein unendliches Mantra, das immer aufs gleiche hinaus läuft: Wegfressen oder Weggefressen werden. Das ist natürlich totaler Quatsch, missverstandener Darwinismus von Idioten, die sich in der Wahrheit anderer Leute heimischer fühlen, als in der eigenen. Nicht einmal lebensstilsystematisch ist Wegfressen ein echter Vorteil, wie die schlauen Sozialepidemologen Kate Pickett und Richard Wilkinson erst neulich bewiesen haben: Gleichheitszuwachs kommt immer der ganzen Gesellschaft zugute. Gleichheit senkt die Kosten der Armut, die alle, auch die selbstgefällig schnurrenden Reichen, berappen müssen. Denn die Folgen wachsender Ungleichheit machen nicht nur die Abgehängten unglücklich, sondern auch den Rest der Gesellschaft, die, die vermeintlich Bammel haben, weil sie sich hochstrampeln oder irgendwo festkrallen konnten: Desintegration, allgemeine Fettsucht, psychische Labilität, miese Gesundheitsversorgung, sinkende Lebenserwartung, zunehmende Blödheit, mehr Gewalt, destruktiver Drogenkonsum, rappelvolle Knäste, erstarrte soziale Mobilität, fehlende Aufstiegsmöglichkeiten und epidemische Apathie.
Was man dagegen machen kann? Die Binsenweisheiten hinter dem eigenen Löffel beachten: Mindestlöhne, Grundeinkommen, bezahlbare Mieten, freier Zugang zu Bildung. Und was macht dabei die kreative Klasse, außer Maulaffen feilhalten und Twittern? Die kreative Klasse setzt sich auf den Hosenboden und bimmst die Dialektik vom Quatsch mit Soße: Es gibt keine kreative Klasse, es gibt kreative Klassen im beinharten Klassenkampf, in dem es mitnichten fein und schon gar nicht kreativ zugeht.
Die kreative Klasse sollte sich daher schleunigst als kreative Masse verstehen und lernen Solidarität neu zu buchstabieren und wenn das zuviel verlangt ist: War es wohl sowieso nicht so weit her mit der Kreativität. Die kreative Masse sollte tunlichst den Text hinter den eigenen Ohren entziffern: Freundschaft ist ein nachwachsender Rohstoff, der sich fast beliebig vermehren lässt, man muss nur den Kopf gründlich aufmachen. Solidarität ist keine gummibereifte Kasperbude, in der bekiffte Agentur-Knalltüten zum nächsten Meeting düsen. Solidarität ist kein Energydrink, Solidarität ist systemrelevant, und dass man Solidarität hervorragend mit Wodka mischen kann, kein Widerspruch sondern lecker.
Mit solidarischen Grüßen: Sektion 404, Abteilung Berlin.
Anton Waldt ist Chefredakteur des Magazins für elektronische Lebensaspekte De:Bug